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Hilfen für Geflüchtete

Wenn gute soziale Arbeit zur Verhandlungsmasse wird

Außenansicht der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin mit Gebäudefassade, großen Fenstern und dem Schriftzug über dem Eingang, umgeben von Bäumen und einer begrünten Rasenfläche im Vordergrund.

Marienfelder Allee: Zwischen Vergabepolitik, Verantwortung und der Unbezahlbarkeit gewachsener Beziehungen
 

1953 wird in West Berlin das Notaufnahmelager Marienfelde eröffnet. Es ist ein Ort der Rettung für Menschen aus der DDR, die vor politischer Verfolgung und staatlichem Zwang fliehen. Hunderttausende durchqueren in den Jahrzehnten der deutschen Teilung diesen Ort – oft als erste Station in Freiheit. Bundespräsident Theodor Heuss nennt Marienfelde eine „rettende Insel“.
Nach 1989 verändert sich Marienfelde – und bleibt doch, was es immer war: ein Ort der Zuflucht. Ein Ort der Geschichte(n) von Schutz, Ankommen und Neubeginn. Für unzählige Menschen aus aller Welt beginnt hier ein anderes Leben, getragen von der Hoffnung auf Sicherheit, Würde und Selbstbestimmung. Seit über 60 Jahren kommen Schutzsuchende nach Marienfelde: früher aus der DDR, später als (Spät-)Aussiedler*innen, heute aus Syrien, Irak, Tschetschenien, Afghanistan oder Sudan. Marienfelde steht damit symbolisch für die Geschichte von Flucht und Migration in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.
Mit dem Rückgang der Aussiedler*innen wurde die einstige Notaufnahme 2010 in geschlossen, aber bereits 2009 betreute der IB im Auftrag des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg dort 130 irakische Christ*innen und verhalf ihnen zu eigenem Wohnraum - ein Erfolg, der heute kaum vorstellbar ist. 2010 übernahm der IB dann den Betrieb des Übergangswohnheims Marienfelder Allee, in dem anfangs viele Menschen über UNHCR-Programme oder humanitäre Aufnahmen ankamen. Sie mussten nicht die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer auf sich nehmen.
 

Seit 2010 prägt der IB Berlin Brandenburg diesen Ort mit fachlicher, engagierter und zugewandter Arbeit.
Marienfelde war immer da, wenn Krisen es erforderten: bei den ersten syrischen Kontingentflüchtlingen ebenso wie später bei afghanischen Ortskräften. Die Mitarbeitenden waren von Beginn an mit Ängsten, Unsicherheiten und Traumata konfrontiert und haben diese Herausforderung ebenso empathisch wie verantwortungsvoll übernommen. Die Einrichtung ist geprägt von qualifiziertem Personal, tariflicher Bezahlung, gewachsenen Strukturen, großem Vertrauen und enger Vernetzung im Sozialraum.
Umso größer ist die Fassungslosigkeit über die aktuelle Situation: Erstmals wurde die Marienfelder Allee ausgeschrieben. Eine Entscheidung, die viele nicht stillschweigend hinnehmen wollen – weil sie rein formal getroffen wird und dabei gewachsene, funktionierende und anerkannte Strukturen gefährdet. Die Ausschreibung wurde so zum Auslöser für Unverständnis, für öffentliche Auseinandersetzung und für den gemeinsamen Einsatz um die Zukunft dieser Einrichtung.
In diesem Kontext entstand die social media Kampagne „16 Jahre – 16 Stimmen“, die Erfahrungen, Perspektiven und Haltungen von Mitarbeitenden, Bewohnenden und Wegbegleiter*innen für eine größere Öffentlichkeit sichtbar machte. Einen wichtigen Moment der Bündelung bildete die Veranstaltung am 24. April: Mit einem Film, einer Ausstellung der Mitarbeitenden und einer Podiumsdiskussion mit politischen Akteur*innen wurde deutlich, was hier auf dem Spiel steht.

Podiumsdiskussion / Bild von links:
Orkan Özdemir (SPD, Mitglied des Abgeordnetenhaus Berlin)
Olivija Music (IB) Einrichtungsleitung Marienfelder Allee
Jian Omar (Bündnis 90 / Die Grünen, Mitglied des Abgeordnetenhaus Berlin)
Katina Schubert ( kommissarische Bundesgeschäftsführerin DIE LINKE, Mitglied des Abgeordnetenhaus Berlin)
Peter Hermanns (IB) Pressesprecher
 

In der Diskussion zeigte sich, wie problematisch eine Vergabepraxis ist, die allein auf den Preis schaut – und nicht auf Qualität, Kontinuität oder die besondere Schutzbedürftigkeit der hier lebenden Menschen. So droht der Verlust einer bewährten Einrichtung nicht aus sachlichen Gründen, sondern weil soziale Arbeit wie eine Marktleistung behandelt wird. Dabei ist diese Ausschreibung weder zwingend noch sinnvoll: Rechtlich bestehen Ausnahmemöglichkeiten, politisch wurde die Entscheidung als problematisch erkannt – nicht zuletzt, weil ein laufender Vertrag gekündigt und funktionierende Strukturen ohne Not gefährdet werden.
Das Paradoxe bleibt: Der Preis dieser Ausschreibung ist hoch – menschlich, gesellschaftlich, politisch und finanziell. Zahlen möchte ihn niemand - ihn zahlen zu müssen, ergibt keinen Sinn.
Am aller wenigsten für die Menschen, die hier leben und arbeiten.